
Allgemeine Infos
Formen der Intersexualität
Glossar
Literatur
Interview zum Projekt
|
 |

E-mail Interview:
Fragen und Antworten zum Hamburger Forschungsprojekt
Anläßlich der Ausstellung "1-0-1- Intersex, Das Zwei-Geschlechter-System als
Menschenrechtsverletzung" in Berlin 2005 führten Jannik Franzen, Ulrike Klöppel und Tino Plümecke für die AG 1-0-1
intersex und Lisa Brinkmann, Karsten Schützmann und Hertha Richter-Appelt der Hamburger
Forschergruppe im Vorfeld ein e-Mail Interview durch. Das e-Mail Interview wurde auf der Ausstellung
ausgestellt und war Grundlage einer Podiumsdiskussion, die wähend der Ausstellung bei einer Tagesverantsaltung stattfand.
(Download e-mail Interview als PDF-File)
1-0-1 ' Frage
Wie ist der derzeitige Stand der Hamburger Evaluationsstudie? Welche Arbeitsschritte stehen als
nächstes an? Insbesondere interessiert uns, wie viele Interviews bislang durchgeführt und
ausgewertet worden sind und welche Zwischenbilanz Sie über ihre bisherige Arbeit ziehen können.
Vielleicht können Sie ja auch bereits einen Ausblick darauf geben, welche Bedeutung die
Studienergebnisse für die Situation der Intersexuellen und auch bezüglich wissenschaftsinterner F
ragen haben.
Antwort ' HH
Die Hamburger Forschergruppe unter der Leitung von Frau Prof. Hertha Richter-Appelt untersucht in
Kooperation mit der Abteilung für Pädiatrische Endokrinologie des Universitätsklinikums Schleswig
Holstein (Standort Lübeck, Leitung Prof. Hiort) in einer bundesweit angelegten Studie zum einen
die Behandlungserfahrungen von erwachsenen Personen mit verschiedenen Formen der Intersexualität,
aber auch ihr soziales Leben, ihre Interessen sowie intersexualitätsbedingten und
intersexualitätsspezifischen Schwierigkeiten und Erlebnisse nicht nur im Bereich der
Sexualität. Dabei spielt die Traumatisierung durch die Krankheit selbst, aber auch durch den
Umgang damit eine wichtige Rolle. Ziel der Studie soll es sein, Schlussfolgerungen für Leitlinien zur
Behandlung von Menschen mit Intersexualität ziehen zu können und ein angemessenes Behandlungsmodell
für die Betreuung von Personen mit Intersexualität zu entwickeln.
Die Untersuchung der Teilnehmer/innen findet mit Hilfe eines Fragebogens statt, der wahlweise im
Hamburger Institut für Sexualforschung unter Betreuung einer/eines Psychologin/en oder aber zu
Hause ausgefüllt werden kann. Jeweils vor und nach der Bearbeitung des Fragebogens werden den
Teilnehmer/innen entweder vor Ort oder per Telefon Beratungsgespräche mit den im Projekt
arbeitenden Psychologen und Psychologinnen angeboten. Falls die Teilnehmer/innen von Auswärts
anreisen, werden ihnen die Fahrtkosten und gegebenenfalls die Übernachtungskosten erstattet.
Bis zum jetzigen Zeitpunkt haben knapp 50 Personen mit verschiedenen Formen der Intersexualität
(5-Alpha-Reduktase-Mangel, 17-Beta-HSD, Adrenogenitales Syndrom, Gonadendysgenesien, komplette
und partielle Androgenresistenz ) an der Studie teilgenommen. Wir sind weiterhin auf der Suche
nach Personen mit Intersexualität, die bereit sind, an der Studie teilzunehmen und ihre
Erfahrungen in die Untersuchung einfließen zu lassen. Da einige Diagnoseformen sehr selten sind,
ist es von großer Bedeutung, dass möglichst viele Betroffene an der Studie mitwirken. Nur so
können wir ein umfassendes Bild erhalten und angemessene Empfehlungen für den ärztlichen,
psychologischen und wissenschaftlichen Umgang mit Intersexualität aussprechen.
Unsere nächsten Arbeitsschritte sind die weitere Befragung von Teilnehmer/innen und die zeitgleiche
Auswertung der bisher gesammelten Daten sowie die Veröffentlichung von ersten vorläufigen Ergebnissen.
Ab 2006 werden innerhalb des Forschungsprojektes auch transsexuelle Menschen zu ihren Behandlungserfahrungen
und ihrer Entwicklung befragt. Ziel dieses Teilprojektes ist es zu erfahren, welche spezifischen
Erfahrungen diese Gruppe von Menschen bezüglich ihrer psychischen und körperlichen Entwicklung und den
oftmals erfolgten medizinischen und psychologischen Behandlungen gemacht haben. Damit möchten wir
sowohl die Unterschiede als auch die Gemeinsamkeiten von transsexuellen und intersexuellen Personen
hinsichtlich vieler Bereiche (z.B. Geschlechtsidentität, psychosexuelle Entwicklung, Körperempfinden,
Behandlungserfahrungen, Behandlungszufriedenheit, soziale Unterstützung, etc.) herausstellen.
Als Zwischenbilanz möchten wir festhalten, dass sich das Projekt seit seinem Beginn im Jahre 2002 stark
gewandelt hat. Viele unserer Konzepte und Vorstellungen, mit denen das Projekt begann, sind mittlerweile
durch neue, problembewusstere ersetzt worden und werden ständig (durch immer neue Erfahrungsberichte
und das darin oftmals verborgene große Leid der Betroffenen) erweitert und hinterfragt.
Als eines der wichtigsten Ergebnisse geht bisher hervor, dass bei der Betrachtung der Intersexualität
die Besonderheiten der einzelnen Diagnosen stärker berücksichtigt und differenziert werden müssen.
So hat sich zum Beispiel gezeigt, dass Personen mit einem Adrenogenitalen Syndrom, die bei der Geburt
einen Salzverlust erlitten, bezüglich ihrer sexuellen Orientierung, ihres Geschlechtsrollenverhaltens
und Körperempfindens häufig andere Erfahrungen machen als Personen mit Adrenogenitalem Syndrom ohne
Salzverlust. Dasselbe gilt für Personen mit partieller Androgenresistenz, die entweder in der
männlichen oder weiblichen Geschlechtsrolle leben. Ähnliche Unterschiede sind auch für verschiedene
Formen der Gonadendysgenesien zu erwarten.
Diese Aspekte werden in der wissenschaftlichen Literatur jedoch bisher kaum oder gar nicht
berücksichtigt, so dass wir hoffen, durch die differenziertere Betrachtung und Untersuchung der
einzelnen Diagnosegruppen spezifischere und individuellere Informationen zu erhalten und
entsprechende Empfehlungen formulieren zu können. Wir können jedoch schon jetzt sagen, dass die
Behandlungsempfehlungen nur als Orientierung dienen können und die Betrachtung des Einzelfalls
und der jeweiligen spezifischen Probleme, Wünsche und Bedürfnisse jedes Einzelnen im Vordergrund
stehen müssen.
1-0-1
Wieso sprechen Sie von Intersexualität als "Krankheit"? Intersex-Initiativen, so auch die XY-Frauen,
wenden sich an erster Stelle gegen eine Pathologisierung. Glauben Sie nicht, dass die Verwendung
solcher Begriffe zusammen mit dem medizinischen Kontext der Studie abschreckend auf intersexuelle
Menschen wirken könnten - insbesondere auf diejenigen, die leidvolle Erfahrungen mit der
medizinischen Behandlung gemacht haben? Sind Sie im Vorfeld der Studie oder bei Befragungen auf
dieses Problem gestoßen? Wenn ja, wie verhalten Sie sich dazu?
HH
Wir können Ihre Argumentation gut nachvollziehen und wollen daher gerne etwas ausführlicher
Stellung dazu nehmen: Ohne Frage haben wir schon des Öfteren von Betroffenen und
Studienteilnehmer/innen gehört, welche leidvollen Erfahrungen sie gerade durch die
"Pathologisierung" ihres "Andersseins" erfahren haben, und dass diese Kritik
nicht nur der medizinischen Behandlung, sondern auch dem wissenschaftlichen
Umgang mit dieser Thematik gilt. Gerade deshalb achten wir sowohl in unserem internen Umgang
mit der Thematik als auch in unseren Außendarstellungen sehr darauf, negativ besetzte
Begriffe und Konzepte wie z.B. "Störung" oder "Problem" nicht zu verwenden.
Nun ist es aber so, dass Intersexualität im medizinischen Kontext als eine "Krankheit" definiert
ist: Während der Geschlechtsentwicklung kommt es zu irgendeinem Zeitpunkt zu Veränderungen,
die dazu führen, dass die betroffene Person nicht nur Geschlechtsmerkmale eines Geschlechts
aufweist, sondern auch die des anderen bzw. nicht eindeutig einem Geschlecht entspricht.
Zudem ist in einigen Fällen eine sofortige medizinische Intervention lebensnotwendig (z.B.
bei Salzverlust bei Personen mit AGS oder bei Harnröhrenverschluss bei Personen mit Hypospadie).
Auch ist die differenzierte Betrachtung, Analyse und Bestimmung verschiedener "Diagnoseformen"
nur mit dem Konzept eines Krankheitsbegriffes möglich und verständlich.
Wir denken, dass der Begriff "Krankheit" kein Problem ist, solange er nicht negativ besetzt ist,
abwertet, diskriminiert oder aber mit "Heilungskonzepten" verbunden ist, die nicht im Sinne der
Betroffenen sind. Er ermöglicht darüber hinaus einen Zugang zu medizinischen und psychologischen
Angeboten. Umgekehrt ist so die Chance größer, dass diese das Thema beachten.
Es gibt viele Betroffene, die den Krankheitsbegriff und die damit verbundenen Konsequenzen als
etwas sehr Schmerzliches erlebt haben. Wir kennen aber auch viele, die ihre Intersexualität als
"Krankheit" bezeichnen, medizinische und/oder psychologische Behandlung in Anspruch nehmen
und das durchaus als hilfreich empfinden.
Entscheidend ist für uns ein sensibler und rücksichtsvoller Umgang mit der Thematik und die
Berücksichtigung aller Konzepte, Ansichten und Vorstellungen der Betroffenen.
Bisher haben wir die Erfahrung gemacht, dass die Teilnehmer/innen dies auch wahrnehmen und zum
Teil auch sehr anerkennen.
Zur Frage, wie wir mit der Kritik bzw. dem Unbehagen der Betroffenen umgehen: Wir nehmen sie
gerne an, da auch wir nie auslernen und uns im Laufe des Projektes besonders durch das
Feedback der Teilnehmer/innen weiterentwickeln. Es ist uns sehr daran gelegen, Ängste und
Vorbehalte gegenüber unserer Studie abzubauen und z.B. Gelegenheiten wie dieses Interview
zu nutzen, um Unklarheiten zu beseitigen und offene Fragen zu klären.
1-0-1
Das Problem der Krankheitszuschreibung ist aus unserer Sicht nicht dadurch zu lösen, dass man
es an die Betroffenen zurückgibt, indem man sie fragt, ob sie sich als krank bezeichnen oder nicht.
Für intersexuelle Menschen wird es angesichts der Autorität des medizinischen Diskurses schwer sein,
sich von der Krankheitszuschreibung zu befreien. Dasselbe gilt unserer Meinung nach für die
Öffentlichkeit. Deswegen halten wir es für notwendig, dass zunächst diejenigen Schritte
unternehmen, die Intersexualität seit langem in machtvoller Weise als eine "Fehlbildung",
"Störung" und "Krankheit" dargestellt haben: Vertreter/innen der Medizin und auch der Psychologie.
Für uns stellt sich daher die Frage: Wie gehen Sie mit diesem Problem um? Und: Haben Sie sich
Gedanken über die Sprache gemacht, die Sie in den Aufrufen zur Studie, den Befragungen und den
Forschungspublikationen verwenden?
HH
Im Bereich der Klinischen Psychologie und auch der Psychiatrie spielen seit vielen Jahren
Überlegungen zum Einfluss des Krankheitsbegriffes bzw. der Begriffe aus Krankheitslehren
auf die Manifestation und den Verlauf psychischen Leidens eine große Rolle.
Dieser Aspekt wurde und wird auch innerhalb unseres Projektes immer wieder thematisiert und
diskutiert. Nicht zuletzt wird er auch durch unsere direkten Kontakte mit Betroffenen immer
wieder aktualisiert.
Einerseits bemühen wir uns, wenn wir über Sprache in Kontakt zu Menschen mit Intersexualität und
zur wissenschaftlichen und allgemeinen Öffentlichkeit treten, Begriffe so zu verwenden, dass eine
weitere Fest- und Fortschreibung der Bezeichnung von Intersexualität als Krankheit vermieden wird.
Andererseits sind sowohl das Projekt als auch wir als Wissenschaftler in gewisser Weise in eine
Welt (bzw. in einen Diskurs) "hineingeboren" worden, in der (dem) wir bereits eine Sprache mit
bestimmten festen Begriffen vorfinden. Diese Begriffe bestimmen natürlich auch unser Sein und Handeln.
Trotz unserer fortlaufenden Versuche, die Verwendung der im Diskurs um Intersexualität "vorgefundenen
Begriffe" bewusst zu reflektieren, sind uns durch die Einbindung unseres Projektes in den
medizinischen Kontext und auch durch die Begriffe, die in der Öffentlichkeit und auch von einem
großen Teil der von uns befragten Menschen mit Intersexualität verstanden und benutzt werden,
Grenzen gesetzt. Würden wir uns von diesen Grenzen lösen wollen, wäre die Umsetzung des Projektes
mit unserer Frage- und Zielsetzung niemals möglich.
Wir nehmen Ihre Kritik gerne zum Anlass, unseren Sprachgebrauch innerhalb des Projektes noch
einmal zu überprüfen und auf einen sensiblen Umgang mit der Sprache zu achten. Nichtsdestotrotz
wird unsere Studie nicht (oder nur wenig) der von Ihnen zur Forderung erhobenen Aufgabe
medizinischer und psychologischer Forschung gerecht werden können, den gesamten Diskurs über
Intersexualität von Begriffen wie Krankheit, Störung oder Fehlbildung befreien zu können.
1-0-1
Sie nennen "die Traumatisierung durch die Krankheit selbst" sowie durch "den Umgang damit"
als wichtiges Thema ihrer Studie. Was meinen Sie damit? Finden sich in den Interviews Hinweise
darauf, dass die bisher üblichen frühzeitigen chirurgischen Eingriffe an den Genitalien
und andere Aspekte der medizinischen und psychiatrischen Behandlung zu Traumatisierungen
geführt haben könnten, wie dies z.B. Tamara Alexander herausgestellt hat? Wie bewerten
Sie das Problem, dass Angaben zu diesem sensiblen Bereich in einem medizinischen Kontext
erfragt werden?
HH
Schon in den ersten Gesprächen und Fragebogenerhebungen wurde deutlich, dass der Aspekt der
Traumatisierung bei vielen intersexuellen Personen eine sehr große Rolle spielt. Dabei scheint
die Intersexualität an sich bzw. das "Anderssein" gar nicht der wesentlichste Faktor zu sein.
Im Vordergrund stehen vielmehr die Konsequenzen und der Umgang, den die Betroffenen von medizinischer
und psychologischer Seiten als auch von der Familie und dem Umfeld erfahren haben.
So schildern uns z.B. sehr viele Betroffene, dass die unehrliche oder unzureichende Aufklärung über
die Diagnose und die Behandlungsmaßnahmen sehr viel Leid verursacht hat. Einige hatten dadurch
jahrelang das Gefühl, etwas sehr "Peinliches", "Schlimmes" zu haben, "abartig" und "unnormal" zu sein.
Des weiteren werden von vielen Betroffenen sehr negative und leidvolle Erlebnisse im Zusammenhang mit
ihrer medizinischen Behandlung genannt, die psychisch sehr belastend waren und für viele noch heute
sind (z.B. photographische Nacktaufnahmen, "Zurschaustellung" vor vielen Studierenden, schmerzhafte
Dehnungen der Vagina, inadäquate Bemerkungen der Behandelnden etc.). Eine Veröffentlichung der
ersten Ergebnisse dazu wird in Kürze erfolgen.
Bezüglich der genitalkorrigierenden Operationen im Allgemeinen und zu deren Zeitpunkt im Spezifischen
hören wir viele verschiedene Meinungen, Erlebnisse und Ansichten. Bisher berichten einige der
Studienteilnehmer/innen, dass sie mit den Operationen, deren Resultat und/oder Zeitpunkt zufrieden sind.
Viele geben aber auch an, dadurch stark psychisch und körperlich beeinträchtigt zu sein
(z.B. keine sexuelle Sensibilität mehr zu haben, sich "im falschen Körper" zu fühlen) und darunter sehr
zu leiden.
Die Zahl der Studienteilnehmer/innen ist noch zu klein, um jetzt schon Rückschlüsse darauf ziehen zu
können, wovon die unterschiedlichen Erfahrungen abhängen und welche Form der Behandlung von wem als
positiv erlebt wird und welche nicht. Wir hoffen jedoch, dass wir durch die Beteiligung weiterer
Betroffener die diesbezüglichen Zusammenhänge besser erfassen können.
Zu Ihrer Frage, wie wir das Problem bewerten, dass Angaben zu diesem sensiblen Bereich in einem
medizinischen Kontext erfragt werden: Uns ist bewusst, dass viele Betroffene oftmals sehr leidvolle
Erfahrungen mit Mediziner/innen und Psycholog/innen gemacht haben und es ihnen (verständlicherweise)
sehr schwer fällt, im Rahmen einer Studie nochmals auf solche Personen zuzugehen. Gerade deshalb
ist es uns sehr wichtig, dass die Befragung der Teilnehmer/innen in einem geschützten und
vertrauensvollen Rahmen stattfindet.
Wir wissen, dass die Beantwortung unseres Fragebogens und die Auseinandersetzung mit der Thematik
(insbesondere mit den unangenehmen und schmerzhaften Erfahrungen der Behandlung und im
familiären Umfeld) für viele emotional sehr aufwühlend und belastend ist. Um die
Teilnehmer/innen damit nicht alleine zu lassen, finden vor und nach der Befragung
Beratungsgespräche statt. Außerdem bieten wir ihnen auch über die Studie hinaus
gerne Hilfestellung und Unterstützung an (z.B. Vermittlung von Therapieangeboten,
Erklärung der medizinischen Krankenakten etc.). Wer zur Teilnahme nicht nach Hamburg
kommen möchte, kann den Fragebogen zu Hause auszufüllen (Beratungsgespräche und
Unterstützung können dann per Telefon und Email erfolgen). Oder ein/e Projektmitarbeiter/in besucht
die Person zu Hause bzw. an einem Ort nach Wahl. Darüber hinaus haben wir feste telefonische
Sprechzeiten eingerichtet (Mo-Fr. 10.00 - 11.00 Uhr), zu denen auch unabhängig von der Teilnahme
an der Studie Beratungs- und Informationsgespräche rund um das Thema Intersexualität wahrgenommen
werden können.
Wir verstehen unsere Forschung nicht nur als eine medizinische, sondern vor allem als eine
psychosoziale (schließlich arbeiten im Projekt hauptsächlich Psycholog/innen und Psychotherapeut/innen).
Es wird uns aber trotz aller Bemühungen nicht vollständig gelingen können, den Bedürfnissen, Wünschen und Besonderheiten
aller intersexuellen Menschen immer gerecht zu werden. Unsere Möglichkeiten werden u.a. auch durch wissenschaftliche,
methodische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen begrenzt, die wir nicht beeinflussen können und dürfen. Ohne deren
Berücksichtigung wäre die Durchführung unserer Studie jedoch nicht möglich.
1-0-1
Wie schätzen Sie die Möglichkeit ein, dass sich gerade diejenigen intersexuellen Menschen,
die auf sehr negative Erfahrungen zurückblicken, einer Lebensqualitäts-Studie verweigern könnten,
die innerhalb eines medizinischen Rahmens stattfindet, und auf die Begriffe "Krankheit" und "Syndrom"
zurückgreift? In diesem Zusammenhang interessiert uns auch Ihre Einschätzung, wie viele intersexuelle
Menschen deshalb die Teilnahme abgelehnt haben?
HH
Die Frage, wie viele intersexuelle Menschen die Teilnahme ablehnen und aus welchen Gründen sie das
tun, muss leider unbeantwortet bleiben. Aufgrund der unterschiedlichen Wege die wir nutzen, um unsere
Studie bekannt zu machen (z.B. Aushänge bei Kongressen, Infobriefe an Ärzte/Ärztinnen, Info- und
Rundbriefe an Selbsthilfeinitiativen, Publikationen oder auch dieses Email-Interview), haben wir
wenige Möglichkeiten festzustellen, wie viele intersexuelle Menschen überhaupt von unserer Studie
erfahren haben. Wir können daher wenig darüber sagen, wie sich die Gruppe der nicht Teilnehmenden
zusammensetzt und ob und worin sie sich von der Gruppe der Teilnehmenden unterscheidet.
Die Rückmeldungen, die wir von einigen intersexuellen Menschen über ihre Gründe, nicht an der
Studie teilzunehmen zu wollen, bekommen haben, sind sehr unterschiedlich. Einige meinten, dass sie
einen Schlussstrich unter ihre "Geschichte" gezogen haben und sich nicht mehr mit der Thematik
auseinandersetzen wollen. Andere gaben an, die Fragen unseres Fragebogens wären ihnen zu intim
und persönlich. Von einigen wissen wir, dass sie die Bearbeitung des Fragebogens abgebrochen haben,
weil sie sie emotional als sehr belastend empfunden haben. Von anderen haben wir gehört, dass sie
ihre Diagnose als völlig unproblematisch empfinden und sich in den Fragen des Fragebogens nicht wieder
finden und deshalb nicht teilnehmen. Andere konnten sich mit der Bezeichnung "Intersexualität" nicht
identifizieren (z.B. einige Personen mit Adrenogenitalem Syndrom, AGS) und haben sich daher nicht
angesprochen gefühlt. Es trifft daher sicherlich zu, dass einige intersexuelle Menschen aus Protest
gegen die Verwendung solcher Begriffe im Zusammenhang mit Intersexualität oder aus einer ablehnenden
Haltung gegenüber Projekten, die im medizinischen Kontext Intersexualität untersuchen, die Teilnahme
an unserer Befragung ablehnen.
Ein anderer Teil Betroffener hat uns auf die aus ihrer Sicht problematische Verwendung bestimmter
Begriffe im Forschungsprojekt aufmerksam gemacht, auch im Sinne eines Protests, und trotzdem an der
Untersuchung teilgenommen. Eine ganze Reihe intersexueller Menschen, die negative
Behandlungserfahrungen in medizinischen Einrichtungen gemacht haben, nutzen die Gelegenheit zur
Teilnahme an unserer Studie, um über ihre Erfahrungen zu berichten.
Ein weiterer Teil intersexueller Menschen verwendet selbst den Krankheitsbegriff im Zusammenhang mit
ihrer Intersexualität und hat mit unserer Art der Darstellung keine Schwierigkeiten. Und schließlich
gibt es auch diejenigen intersexuellen Menschen, die über positive Behandlungserfahrungen berichten
können. In welchem Ausmaß diese Faktoren (Verwendung resp. Ablehnung der Verwendung bestimmter
Begriffe in der Darstellung von Intersexualität und positive resp. negative Beurteilung der
Behandlungen in medizinischen Einrichtungen) mit der Teilnahme an unserer Studie im Zusammenhang
stehen, muss offen bleiben, da die Gruppe der Teilnehmenden hinsichtlich dieser Faktoren sehr
heterogen zusammengesetzt ist.
Wir möchten an dieser Stelle aber gerne hervorheben, dass das allgemeine Feedback auf unsere Studie
von den Teilnehmer/innen in erster Linie positiver - und nicht negativer - Natur ist.
Viele Teilnehmer/innen erleben die Bearbeitung des Fragebogens und die anschließenden Nachgespräche
mit Projektmitarbeiter/innen als sehr positiv und hilfreich, ihre eigene Geschichte besser verstehen
zu können. Viele geben an, dadurch ihre Lebensgeschichte (auch wenn dies an einigen Stellen sehr
schmerzvoll ist) besser aufgearbeitet zu haben und berichten, dass Zusammenhänge, die Ihnen vorher
nicht klar waren, dadurch deutlich wurden. Viele nehmen die ausführliche Auseinandersetzung mit der
Thematik zum Anlass, z.B. weitere therapeutische Unterstützung in Anspruch zu nehmen, die Suche
nach alten Krankenakten und Arztunterlagen zu beginnen, Klärungs- und Diskussionsgespräche mit
der Familie zu führen etc.
1-0-1
Haben Sie im Kontext der Studie Hinweise auf eine erhöhte Zahl von Suiziden und Suizidversuchen
intersexueller Menschen erhalten? Wenn ja, wie verstehen Sie diese?
HH
In unserem Fragebogen stellen wir Fragen nach Suizidgedanken, Suizidversuchen, den Gründen dafür
und auch Fragen nach anderen seelischen Belastungen wie beispielsweise Depressionen, Ängste,
Schlafstörungen etc. Dies ist aber ein Themenbereich, den wir bisher noch nicht ausgewertet haben,
so dass wir zum jetzigen Zeitpunkt noch keine Auskunft darüber geben können.
1-0-1
Aus Ihren Darstellungen zu Beginn des Interviews schließen wir, dass Sie Unterschiede der
verschiedenen Intersex-Formen herausarbeiten, um Behandlungsempfehlungen für die jeweiligen
Untergruppen geben zu können. Demgegenüber ist es mittlerweile ein wichtiges Anliegen von
Intersex-Initiativen, sich unabhängig von "Diagnosegruppen" zusammenzuschließen (in diesem
Sinne erfolgte ja die Gründung des Vereins "Intersexuelle Menschen e.V."). Gibt es denn
Themenbereiche, auf die Sie in ihren Interviews stoßen, für die eine gemeinsame Betrachtung der
Situation von Intersexuellen sinnvoll wäre, wie etwa Behandlungserfahrungen, Erfahrungen mit
Intoleranz und Ignoranz im sozialen Umfeld und der Öffentlichkeit sowie Strategien im Umgang damit?
HH
Diese Frage ist nicht einfach zu beantworten. Auch, da die Studie noch nicht so weit fortgeschritten
ist, um hier empirisch begründete Aussagen zu wagen. Die Charakterisierung der Gruppe der
Menschen mit Intersexualität als Ganze hinsichtlich bestimmter Variablen ist nicht unproblematisch.
Sicherlich gibt es bestimmte Erfahrungen, Einstellungen, Verhaltensweisen und Eigenschaften, die von
einer relativ großen Anzahl von Menschen mit Intersexualität, jedoch von Menschen ohne Intersexualität
vergleichsweise nicht oder nur relativ selten bzw. in anderer Ausprägung berichtet werden. Man kann
daher annehmen, dass sie eher für Menschen mit Intersexualität charakteristisch sind.
Was sich jedoch bisher in der Auswertung der Antworten der Befragten deutlich abzeichnet, ist ein
große Variabilität innerhalb der Gruppe der Intersexuellen, wobei sich die Variabilität nicht nur
auf die verschiedenen Diagnosegruppen bezieht, sondern auch auf andere Faktoren: So muss man
diejenigen unterscheiden, die mit uneindeutigem Genital zur Welt kommen (und bei denen Fragen der
Geschlechtszuweisung und evtl. Behandlung bereits ab der Geburt eine Rolle spielen, Entscheidungen
somit von Eltern und Ärzten getroffen werden) und die, bei denen die intersexuelle Entwicklung erst
in der Pubertät (durch das Ausbleiben der pubertären Entwicklung oder durch geschlechtsuntypische
Veränderungen) erkannt wird und ganz andere Fragen eine Rolle spielen. Weitere Gruppenunterschiede
betreffen bestimmte Behandlungen (z.B. die Gruppe von intersexuellen Menschen, bei denen die Gonaden
(Keimdrüsen) entfernt wurden, weshalb sie auf eine lebenslange Hormonsubstitution angewiesen sind,
gegenüber der Gruppe von intersexuellen Menschen, bei denen die Gonaden noch vorhanden sind) oder
den Zeitpunkt von bestimmten Behandlungen (z.B. Gonadenentfernung vor der Pubertät im Gegensatz zu
Personen, bei denen diese erst nach der Pubertät erfolgte) sowie Aspekte wie z.B. sexuelle
Orientierung, Geschlechtsidentität etc. Nur wenn diese Unterschiede betrachtet werden, ist es
möglich, den Lebenserfahrungen, Lebensentwicklungen und Ansichten der Betroffenen gerecht zu
werden und Behandlungsempfehlungen auszusprechen, die ihren Bedürfnissen und Wünschen entsprechen.
Gerade in den von Ihnen benannten Bereichen der Behandlungserfahrungen, der Erfahrungen mit
Intoleranz und Ignoranz im sozialen Umfeld und in der Öffentlichkeit sowie Strategien im Umgang
damit, gibt es große Unterschiede innerhalb der Gruppe der Intersexuellen. So machen Personen, denen
äußerlich eine geschlechtliche Uneindeutigkeit anzusehen ist, ganz andere Erfahrungen mit Intoleranz
und Ausgrenzung als Personen, bei denen die Intersexualität nicht "auf den ersten Blick" zu erkennen
ist. Die Strategien im Umgang mit Intoleranz und Ausgrenzung unterscheiden sich oftmals in großem
Maße darin, ob die Person bereit ist, offensiv und öffentlich mit der Thematik umzugehen, oder ob
sie ihre Besonderheit als etwas Intimes erachtet, das sie nur mit ausgewählten Personen teilen
möchte und daher die offene Auseinadersetzung damit vermeidet und andere Wege des Copings
(= Bewältigung) sucht.
1-0-1
Sie stellen den Zeitpunkt von medizinischen Eingriffen sowie deren Folgen (etwa Hormonsubstitution)
als entscheidend für die spätere Charakterisierung der betreffenden Menschen und ihrer Erfahrungen
dar. Muss nicht anstelle einer von den jeweiligen behandelnden Mediziner/innen abhängigen
Vorgehensweise aus Gründen des Respekts des Selbstbestimmungsrechts der Betroffenen bei primär
kosmetischen (d.h. nicht lebenswichtige Funktionen erhaltenden) Eingriffen generell ein "informed
consent", d.h. eine Zustimmung der Betroffenen zur Behandlung auf der Grundlage einer umfassenden
Aufklärung, vorliegen?
HH
Die Beantwortung dieser Frage ist eines der Ziele unserer Studie. Wir möchten anhand der vielen
Erfahrungen, die intersexuelle Menschen im Laufe ihres Lebens gemacht haben, herausfinden, was für
sie hilfreich und unterstützend und was für sie negativ und sogar traumatisierend ist. Erste
Auswertungen zeigen, dass gerade die Aufklärung und Informationsvermittlung für die betroffenen
Personen eine sehr zentrale Rolle spielen. Auch die genaue Aufklärung über die Diagnose und die
Selbstbestimmung über Behandlungsmaßnahmen sind sehr wichtig. Viele Teilnehmer/innen unserer Studie
haben zum Zeitpunkt ihrer medizinischen Behandlungen nur sehr wenig oder gar nichts über die Gründe
dafür gewusst. Das hat bei einigen zu großen Ängsten und psychischen Problemen geführt, die zum Teil
bis heute bestehen.
Dass wir z.B. den Zeitpunkt der medizinischen Eingriffe als entscheidend für die Charakterisierung
der betreffenden Menschen und ihrer Erfahrungen ansehen, hat den Grund, dass wir diese
verschiedenen Verläufe betrachten müssen, um herausfinden zu können, ob sich aus den unterschiedlichen
Erfahrungen Rückschlüsse für Behandlungsempfehlungen ziehen lassen können. So berichten z.B. einige
Teilnehmer/innen mit kompletter Androgenresistenz, deren Gonaden nicht entfernt sind, über sehr viel
weniger körperliche und psychische Probleme als diejenigen, bei denen eine solche Operation
durchgeführt wurde. Diese Gruppe unterteilt sich noch einmal in die Personen, bei denen die
Gonadenentfernung vor der Pubertät stattgefunden hat (und die pubertäre Entwicklung durch künstlichen
Hormonersatz eingeleitet werden musste) und die Personen, bei denen die Gonaden erst nach der Pubertät
entnommen worden sind (und ihre körperliche und pubertäre Entwicklung durch körpereigene Hormone
stattfinden konnte).
Im weiteren Verlauf der Studie gilt es herauszufinden, inwiefern sich diese unterschiedlichen
Erfahrungen auf das Leben der Betroffen ausgewirkt haben und ob sich daraus Schlussfolgerungen
für die Behandlung ergeben können. Eventuell wird es uns nicht möglich sein, für jeden individuellen
Fall sagen zu können, was gut oder empfehlenswert ist. Es wird uns aber auf jeden Fall möglich sein
zu formulieren, was nicht gut ist, sondern als negativ und traumatisierend von den Betroffenen erlebt
wird.
1-0-1
Muss nicht das Selbstbestimmungsrecht intersexueller Menschen bei allen Fragen der Behandlung
Vorrang haben? Wenn wir Ihre Antwort richtig verstehen, stellen Sie das Selbstbestimmungsrecht
gegenüber den Ergebnissen Ihrer Studie zurück. Man kann sich leicht das Problem ausmalen, das
entsteht, wenn etwa eine Mehrheit von Studienteilnehmer/innen mit z.B. AGS sich für eine frühzeitige
Hormonbehandlung aussprechen sollte - und daraus eine entsprechende Behandlungsempfehlung abgeleitet
würde, die zur Folge haben könnte, dass die nächste Generation von Menschen mit AGS wiederum in ihrem
Selbstbestimmungsrecht beschränkt wäre. Wie gehen Sie mit diesem Problem in Ihrer Studie um?
HH
Die Frage nach dem Selbstbestimmungsrecht lässt sich nicht pauschal beantworten, da sie von mehreren
Faktoren abhängig ist. Behandlungsmaßnahmen ohne medizinische Notwendigkeit, die in einem Alter
anstehen, in der die betroffene Person ausführlich über die Behandlung aufgeklärt werden kann und
die damit verbundenen Vor- und Nachteile abzuschätzen vermag, sollten unserer Meinung nach nie ohne
die Zustimmung der betroffenen Person durchgeführt werden (z.B. bei einer Vaginalplastik).
Andererseits besteht bei einigen Formen der Intersexualität bereits unmittelbar nach der Geburt eine
Behandlungspflicht, um das Kind am Leben zu erhalten. Dies betrifft z.B. Personen mit AGS und Salzverlust.
Würden diese Personen nicht ab der Geburt lebenslang mit Hormonen behandelt werden, würden sie aufgrund einer
Salzverlustkrise nicht überleben.
Wie wir bereits in der allerersten Frage herausgestellt haben, muss bei der Behandlung der Intersexualität -
unabhängig davon, zu welchen Ergebnissen unserer Studie kommt - immer der Einzelfall, die einzelne Lebens- und
Familiengeschichte berücksichtigt werden. Bestehende Behandlungsempfehlungen sind als Möglichkeiten, aber nicht
als "Wahrheiten" zu betrachten.
In vielen Fällen sind es nicht die Ärzte/Ärztinnen, die auf eine bestimmte medizinische Behandlung drängen, sondern
die Eltern der betroffenen Kinder, die mit der genitalen Uneindeutigkeit ihres Kindes große Probleme haben. Die
Berücksichtigung der familiären Verhältnisse muss deshalb in jedem Fall betrachtet und in die Behandlung integriert
werden. In manchen Fällen sind es sogar die Ärzte/Ärztinnen, die die Kinder davor bewahren, dass Behandlungswünsche
der Eltern realisiert werden.
Eine bestimmte Behandlung prinzipiell nicht vorzunehmen, kann genauso in Frage gestellt werden,
wie ihre routinemäßige unreflektierte Durchführung (und von den betroffenen Personen als Unterlassung
erfahren werden). Wenn man aber weiß, welche Form der Behandlung einer Mehrheit von Betroffenen
geholfen hat und von Ihnen als positiv erlebt wurde, kann das bei der einzelnen Entscheidungsfindung
helfen, ein optimales Behandlungsmodell zu entwickeln.
1-0-1
Wir möchten noch einmal auf eine ihrer vorhergehenden Antworten zurückkommen: Warum sehen Sie
"sexuelle Orientierung" als relevantes Entscheidungskriterium für die Charakterisierung der
Teilnehmer/innen an? Was bedeutet sexuelle Orientierung in Bezug auf Intersexualität? Gibt es
Teilnehmer/innen, die die zweigeschlechtliche Struktur gängiger Identitätsbegriffe (hetero-,
homo-, bisexuell) problematisieren, und wenn ja, wie gehen Sie bei der Auswertung damit um?
HH
Die Frage nach der sexuellen Orientierung ist für unsere Betrachtung der Thematik in mehreren
Bereichen relevant.
Bevor wir diese verschiedenen Bereiche beleuchten, wenden wir uns dem letzten Teil Ihrer Frage zu:
Unter sexueller Orientierung verstehen wir, welches Geschlecht eine Person sexuell bevorzugt und
unterscheiden diesbezüglich Hetero-, Homo- und Bisexualität. In Bezug auf Intersexualität stößt
dieses Konzept schnell an seine Grenzen: Wie ist beispielsweise eine Person zu klassifizieren, die
genetisch männlich (XY-Chromosomensatz) ist, aber in einer weiblichen Geschlechtsidentität und -rolle
lebt und sich sexuell zu Frauen hingezogen fühlt? Geht man allein nach den biologischen Grundlagen,
wäre sie als heterosexuell einzustufen, geht man nach den psychologischen Variablen, so müsste man
von einer Homosexualität ausgehen.
Bisher wird diese Problematik in der Literatur zur Intersexualität kaum berücksichtigt. Wir versuchen
dem Problem gerecht zu werden, indem wir zwischen sexueller Orientierung und sexueller
Identität unterscheiden und diese separat abfragen. Die sexuelle Orientierung erfassen wir, indem wir
danach fragen, welches Geschlecht sexuell präferiert wird bzw. von wem sich die Person sexuell
angezogen fühlt (Männer und/oder Frauen, wir haben die gängigen Kategorien jedoch auch noch um
intersexuelle Menschen und transgender Menschen erweitert). Die sexuelle Identität beschreibt,
wie sich eine Person bezüglich ihrer sexuellen Präferenz selbst definiert, also sich selbst als
hetero-, homo- oder bisexuell klassifiziert (die sexuelle Identität und Orientierung sind oftmals
übereinstimmend, dies ist aber nicht zwingend der Fall). D.h. die Person in unserem Beispiel ist
bezüglich ihrer sexuellen Orientierung auf Frauen orientiert (es gibt dafür den Fachbegriff
"gynäphil" im Gegensatz zu "androphil"), ihre sexuelle Identität könnte, da sie sich als eindeutig
weiblich erlebt, von ihr als homosexuell bezeichnet werden. Bisher haben wir nicht die Erfahrung
gemacht, dass Teilnehmer/innen unserer Studie mit dieser Form der Klassifizierung Probleme hatten
oder sich darin nicht wieder finden konnten.
Von Bedeutung ist die Erhebung der sexuellen Orientierung innerhalb unserer Studie in mehreren
Bereichen: Bezüglich der medizinischen Behandlungen kann z.B. in Frage gestellt werden, ob eine
intersexuelle Person (mit weiblicher Geschlechtsidentität), die sich sexuell zu Frauen hingezogen
fühlt, tatsächlich eine Vaginalplastik benötigt, um im Erwachsenenalter sexuell funktionsfähig zu
sein.
Des Weiteren ist noch keine Antwort darauf gefunden, warum viele Personen mit Intersexualität
(mit weiblicher Geschlechtsidentität) im Gegensatz zu nicht-intersexuellen Menschen ihre anfängliche
sexuelle Präferenz für Männer im Verlauf ihres Lebens häufiger ändern und Frauen zu ihren
Sexualpartnerinnen nehmen. Dies könnte zum einen mit ihrer (oftmals für sie selbst noch unklaren)
Geschlechtsidentität zusammenhängen, auf ihren hormonellen Hintergrund zurückzuführen sein, aber
auch auf der Tatsache beruhen, dass sie mit Männern nur unbefriedigende sexuelle Erfahrungen gemacht
haben (dies wird uns häufiger von Teilnehmer/innen der Studie berichtet). Hierbei spielen oft auch
die nachträglichen Konsequenzen einiger genitalkorrigierender Operationen (z.B. Vernarbungen,
zugewachsene Vaginalöffnung etc.) eine Rolle.
1-0-1
Warum halten Sie lesbische Beziehungen von Studienteilnehmerinnen für erklärungsbedürftig,
nicht jedoch heterosexuelle?
HH
Wir fragen in unserer Studie viele Aspekte zur Sexualität, zur Partnerschaft und zum
Beziehungsverhalten ab. Die sexuelle Orientierung und Partnerwahl sind dabei wichtige Variablen,
unabhängig davon, wie eine Person sie beantwortet. Daher ist es im Rahmen unserer Studie nicht so,
dass homosexuelle bzw. lesbische Beziehungen im Gegensatz zu heterosexuellen Beziehungen
erklärungsbedürftig sind.
Die Diskussion, dass Homosexualität in der Wissenschaft oftmals als erklärungsbedürftig dargestellt
oder in negativer Form abgefragt wird, kennen wir natürlich. Hierbei handelt es sich aber um eine
generelle Kritik an einer bestimmten Art der Forschung, die mit Intersexualität im Besonderen
(und unserer Studie) nichts zu tun hat.
1-0-1
Erscheinen Ihnen zur Erklärung der homosexuellen Orientierung andere Gründe denkbar als das von
Ihnen beschriebene Defizitmodell (Homosexualität als Alternative zu unbefriedigenden heterosexuellen
Erfahrungen bzw. aufgrund körperlicher Einschränkungen hinsichtlich Penetrationsfähigkeit)?
HH
Wenn sie unsere Antwort auf die vorletzte Frage genau lesen, werden Sie merken, dass diese
Erklärung von uns nur als eine von mehreren Möglichkeiten genannt wurde. Es handelt sich dabei
keinesfalls um ein "Modell", schon gar nicht um ein "Defizit-Modell", sondern um Beschreibungen
und Lebenserfahrungen von Teilnehmer/innen, die wir schon des Öfteren gehört haben.
1-0-1
Wie bewerten Sie die beschriebenen körperlichen Folgen "genitalkorrigierender" Operationen
(Vernarbungen, negative sexuelle Erfahrungen) hinsichtlich der Zielvorgabe für solche Operationen,
sexuelle "Funktionalität" herzustellen?
HH
Wie bereits in den letzten Antworten thematisiert, führen viele Operationen, die eine sexuelle
Funktionalität ermöglichen sollen, nicht immer zu den erwünschten Ergebnissen. Sei es, dass die
betroffenen Personen nach jahrelanger Behandlung an den Genitalien (z.B. regelmäßige Dehnungen mit
Prothesen) im Erwachsenenalter so traumatisiert sind, dass sie gar keine Sexualität mehr ausleben
wollen. Sei es, dass einige Personen aufgrund bestimmter Operationen und/oder ihrer Konsequenzen
keine Sexualität mehr haben oder sexuell empfindungsfähig sind (z.B. bei einer vollständigen
Klitorisamputation, Vernarbungen und Entzündungen des Genitalbereichs). Oder aber, weil die
Personen im Erwachsenenalter eine Form der Sexualität ausleben (z.B. mit gleichgeschlechtlichen
Partner/innen), die das Vorhandensein einer penetrationsfähigen Vagina (oder eines
penetrationsfähigen Penis) überflüssig macht.
Daher ist es unserer Meinung nach wichtig, dass gerade die Behandlungen, die die sexuelle
Funktionsfähigkeit betreffen (z.B. Vaginalplastik, Penisaufbau, Klitorisreduktion), nicht
voreilig durchgeführt werden und die betroffenen Personen sich selbst dafür oder dagegen
entscheiden können.
1-0-1
Warum differenzieren sie zwischen Hetero- und Homosexualität anhand der Frage, ob eine
Vaginalplastik benötigt wird? Sind nicht hier wie dort sexuelle Praktiken denkbar, die
für so genannte heterosexuelle Personen eine Vaginalplastik erübrigen respektive für so genannte
homosexuelle Personen sie nötig machen könnten?
HH
Wir differenzieren nicht in dieser Weise zwischen Hetero- und Homosexualität. Wir haben lediglich
ein Beispiel genannt, warum die Betrachtung der sexuellen Orientierung ebenfalls in die Entscheidung
über eventuelle Behandlungsmaßnahmen einfließen könnte. Die alten Richtlinien zur Behandlung
intersexueller Menschen beachten den Aspekt der Homosexualität bisher gar nicht und sehen eines
ihrer Hauptziele in der Ermöglichung von "heterosexueller Funktionsfähigkeit". Beleuchtet man
allerdings die Tatsache, dass eine intersexuelle Person mit weiblicher Geschlechtsidentität
möglicherweise Frauen sexuell bevorzugen könnte, so stellt das die Richtigkeit und vor allem die
Notwendigkeit "heterosexueller Funktionsfähigkeit" und damit einhergehende chirurgische Maßnahmen
in Frage.
Natürlich kann man auch bei "heterosexuellen" Personen mit Intersexualität diskutieren, ob ihre
Sexualität auf den Koitus mit Penetration beschränkt ist oder ob nicht auch andere Formen der
Sexualität ebenso befriedigend, normal und denkbar sind. Die Frage, ob eine Person eine Vaginalplastik
für ihre Sexualität benötigt oder nicht, sollte eine individuelle Entscheidung der betroffenen Person
sein. Wir denken, dass es keinen Sinn macht (bzw. sogar traumatisierend sein kann), wenn bereits
kleine Kinder eine Vaginalplastik erhalten, die regelmäßig gedehnt und Folgeoperationen unterzogen
werden muss. Eine solche Behandlungsmaßnahme sollte frühestens ab dem Pubertätsalter (bzw. dem Alter,
ab dem Sexualität praktiziert wird) stattfinden, aber auch nur dann, wenn sie von der betroffenen
Person (egal ob hetero-, homo- oder bisexuell) erwünscht ist.
1-0-1
Kann die sexuelle Orientierung für die medizinische Behandlung irgendwie ausschlaggebend sein,
wenn doch nur die Betroffenen selbst über die Notwendigkeit medizinischer Eingriffe entscheiden
können? Und warum und für wen sollte es von Interesse sein, um auf ihre vorletzte Antwort
zurückzukommen, ob intersexuelle oder nicht-intersexuelle Menschen im Laufe ihres Lebens ihre
sexuelle Orientierung wechseln oder nicht? Handelt es sich dabei nicht um ein jahrhundertaltes
Interesse der Sexualmedizin, während der Nutzen solcher Forschungen für die Betroffenen bislang
mehr als fragwürdig erscheinen muss?
HH
Die sexuelle Orientierung sollte natürlich nicht für bestimmte Behandlungsschritte ausschlaggebend
sein. Vielmehr sollte die Vielfalt der sexuellen Orientierungen und Entwicklungen schon nach der
Diagnosestellung bei der Aufklärung der Eltern mit bedacht werden. Heterosexuelle Funktionsfähigkeit
sollte dabei nicht als einzige Zielvorgabe betrachtet werden.
Die Thematisierung der Homosexualität hat aber auch unter anderen Aspekten eine Bedeutung: Während
in Europa die Gleichstellung der Homosexualität mittlerweile in vielen Ländern akzeptiert ist, ist
die diesbezügliche Situation in Amerika eine andere. In einem Land, in dem homosexuelle Menschen
vielerorts noch öffentlich und rechtlich diskriminiert werden, ist zu hinterfragen, ob einige
Operationen zur Ermöglichung der "sexuellen Funktionsfähigkeit" nicht vielleicht auch dazu dienen,
eine eindeutige Heterosexualität zu determinieren und eine eventuelle Homosexualität zu verhindern.
Es ist unserer Meinung nach daher wichtig, dass wir auch das Thema der sexuellen Orientierung in
unserer Studie berücksichtigen und deren Rolle, Einfluss und Entwicklung in intersexuellen Lebensläufen
betrachten.
Ihre Frage, welchen Nutzen Forschung über die Häufigkeit sexueller Orientierung für die Betroffenen
hat, ist eine Frage an die Forschung im Allgemeinen. Die Erhebung solcher Daten (sowohl bei
intersexuellen wie bei nicht-intersexuellen Menschen) dient vor allem einer Wissenserweiterung
und hat in erster Linie nicht den Anspruch, einen Nutzen für die Personengruppen zu generieren.
Genauso wie andere Variablen für die Forschung schon immer von Interesse waren
(z.B. Durchschnittsgröße der Bevölkerung, Familienverteilung, etc.), so spielt auch die Frage nach
der Häufigkeit bestimmter sexueller Orientierungen in der wissenschaftlichen Arbeit eine Rolle.
Meist sind diese Formen der "Grundlagenforschung" Ausgangspunkte für spätere Entwicklungen mit
"Nutzen" für die Betroffenen Gruppen (z.B. Enttabuisierung und Entpathologisierung des
Homosexualitätsbegriffs in Europa). Ein legendäres Beispiel für den sekundären Nutzen
einer solchen Grundlagenforschung und Häufigkeitsauszählung sind die Studien von Alfred Kinsey aus
den Vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts, die zu einer weltweiten sexuellen Aufklärung beigetragen
haben.
1-0-1
Die Evaluationsstudie der Forschungsgruppe Intersexualität findet in Kooperation mit Forschungen
zur genetischen und hormonellen Entstehung verschiedener Formen von Intersexualität statt. Mit
solchen Forschungen können die bereits vorhandenen Kenntnisse über genetische und hormonelle
"Anzeiger" von Intersexualität für die genetische "Familienberatung" und die Pränataldiagnostik
ausgebaut werden, auf deren Grundlage die Zeugung und Geburt eines intersexuellen Kindes verhindert
oder dessen "Geschlechtsangleichung" sogar schon vor der Geburt auf "Verdacht" begonnen werden kann.
Eine Entwicklung hin zu immer frühzeitigerer "Korrektur" von Intersexualität, häufigerer Abtreibung
oder gezielter Vermeidung konterkariert die Bemühungen von Intersex-Initiativen um die respektvolle
Anerkennung geschlechtlicher Vielfalt und das Selbstbestimmungsrecht von Intersexuellen. Wie
verhalten Sie sich dazu innerhalb ihres Forschungsverbunds sowie gegenüber der Öffentlichkeit
und natürlich den Studienteilnehmer/innen?
HH
Um weiteren Missverständnissen vorzubeugen, möchten wir herausstellen, dass es sich bei unserer
Studie nicht um die Evaluationsstudie des "Netzwerks Intersexualität" handelt, sondern um die von
der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderte Studie der Hamburger und Lübecker
Universitätskliniken unter der Leitung von Frau Prof. Hertha Richter-Appelt. Die von Ihnen
genannten Teilprojekte des "Netzwerks Intersexualität" und die der "Forschergruppe Intersexualität"
assoziierten molekulargenetischen Studien sind uns jedoch bekannt und wir gehen gerne auf Ihre Fragen
dazu ein.
Als erstes möchten wir anmerken, dass Sie in Ihrer Fragestellung nur einen ganz kleinen Aspekt
von genetischer Forschung beleuchten und die Studien in einen Zusammenhang bringen, in dem sie
nicht stehen. In drei dieser genannten Projekte geht es darum, die molekularen Grundlagen
verschiedener Diagnosen der Intersexualität zu erforschen, um die Ursachen und Wirkmechanismen
dieser körperlichen Veränderungen besser zu verstehen. Ziel ist es dabei keineswegs, Grundlagen für
eine pränatale Diagnostik zu schaffen, die ggf. Schwangerschaftsabbrüche bei Verdacht auf
Intersexualität erlaubt.
Ziel ist es stattdessen, mehr über die zugrunde liegenden körperlichen Ursachen und Veränderungen
zu erfahren. Dies ist sowohl für die spezifische Diagnostik als auch für die Prognose und das
Wissen über die Langzeitverläufe sehr wichtig. Noch vor kurzem sprach man beispielsweise aufgrund
fehlender Detailkenntnisse von den verschiedenen Intersexualitätsformen nur als
"Pseudohermaphroditismus masculinus" resp. "femininus". Die neuerdings mögliche
Unterscheidung verschiedener Diagnosegruppen hat viele Vorteile. So weiß man zum Beispiel, dass
bei einigen Formen der Intersexualität ein erhöhtes Entartungsrisiko der Gonaden besteht (bei
den Gonadendysgenesien), dies aber nicht bei allen Formen der Fall ist und somit keine Notwendigkeit
besteht, die Keimdrüsen in allen Fällen der Intersexualität zu entfernen.
Wenn man beispielsweise bereits im Säuglingsalter aufgrund von molekulargenetischen Untersuchungen
herausfindet, dass ein Kind mit einem unauffälligen weiblichen Genital und männlichem Chromosomensatz
die Diagnose "5-Alpha-Reduktase-Mangel" hat, so weiß man, dass in der Pubertät eine Vermännlichung zu
erwarten ist und kann die Eltern und das Umfeld bereits im Vorfeld dafür sensibilisieren und auf die
körperlichen Veränderungen ihres Kindes vorbereiten. Dies hat den Vorteil, dass Eltern (die nach der
heutigen Gesetzeslage das Entscheidungsrecht über medizinische Behandlungen an ihren minderjährigen
Kindern haben) viel mehr Zeit haben, sich mit der Thematik auseinander zu setzen und nicht eventuell
voreilige medizinische Maßnahmen ergreifen.
Ihrer Fragestellung entnehmen wir, dass Sie der aktuellen Forschung im Bereich der Intersexualität
sehr kritisch gegenüberstehen. In Anbetracht der Geschichte der Intersexualitätsforschung können wir
diese Bedenken sehr gut nachvollziehen und finden es daher auch wichtig, dass Forschung auch immer mit
einem kritischen Auge betrachtet wird. Wir möchten Ihnen aber an dieser Stelle versichern, dass
unser Hauptziel darin besteht, die Lebenssituation intersexueller Menschen zu verbessern. Einerseits
indem wir versuchen, sie persönlich, ihre Lebensgeschichte und Erfahrungen, aber auch ihre
körperlichen Besonderheiten besser zu verstehen, andererseits dadurch, dass wir die Öffentlichkeit,
die wissenschaftliche und medizinische Fachwelt sowie die Betroffenen selbst über die Thematik
aufklären wollen.
1-0-1
Ihre Stellungnahme zu den molekulargenetischen Forschungen hätten wir gerne etwas genauer. Zum Sinn
und Zweck einer genetischen Früherkennung, so darf man der Webseite der "Forschergruppe
Intersexualität" entnehmen, scheint an erster Stelle neben der Prognose der körperlichen Entwicklung
das Interesse an einer Abschätzung der psychosexuellen Entwicklung zu gehören. Nehmen wir einmal an,
biologische Ursachen und genetische diagnostische "Marker" würden anhand solcher Forschungen mit
einiger Wahrscheinlichkeit bestimmt werden können (im Übrigen berücksichtigen auch viele der neuen
biowissenschaftlichen und psychologischen Geschlechterforschungen in Aufbau und Methodik nicht die
berechtigten inhaltlichen und methodologischen Kritikpunkte, und lösen daher ob ihres Aussagegehalts
einige Skepsis bei uns aus ): Wem nützt eigentlich eine solche Prognose? Dürfen Mediziner/innen und
Eltern ausgehend von solchen auf Wahrscheinlichkeitskalkülen gestützten Voraussagen Entscheidungen
über Genitalkorrekturen und Hormonbehandlung im Kleinkindalter fällen? Müssen Eltern nicht eher
darauf vorbereitet werden, dass sich das Geschlechtszugehörigkeitsempfinden und die Sexualität ihres
Kindes nicht wunsch- und plangemäß entwickeln können?
HH
Sie scheinen unsere Antwort missverstanden zu haben: Wir haben gesagt, dass das frühzeitige Wissen
um die psychosexuelle Entwicklung eines Kindes (z.B. Vermännlichung nach der Pubertät,
Veränderung der sexuellen Orientierung, eventuelle Unsicherheit der Geschlechtsidentität) gerade dazu
beitragen kann, die Eltern auf die wahrscheinliche Entwicklung ihres Kindes vorzubereiten, Ihnen
Ängste zu nehmen und das Kind auch angstfrei mit möglicherweise eintretenden Körperveränderungen
aufwachsen zu lassen. Ziel einer solchen "Vorhersage" soll es keineswegs sein, schon frühzeitig
eventuelle Entwicklungen zu stoppen oder vorbeugend zu behandeln. Im Gegenteil schafft sie für die
Eltern Zeit, sich mit der Thematik auseinander zu setzen, verschiedene Meinungen einzuholen und
Experten zu befragen, ggf. Kontakt mit anderen betroffenen Eltern aufzunehmen etc. Das Kind kann
frühzeitig altersgerecht über seine Diagnose und seine mögliche Entwicklung aufgeklärt werden und
muss sich nicht übermäßig schämen oder ängstigen, wenn bestimmte körperliche Veränderungen
ausbleiben oder einsetzen. Des Weiteren kann so schon frühzeitig z.B. über eine neutrale
Namensgebung nachgedacht werden oder ein Besuch einer getrennt-geschlechtlichen Schule für
das Kind ausgeschlossen werden.
1-0-1
Gerne hätten wir von Ihnen doch noch eine deutlichere Stellungnahme zu den Zusammenhängen zwischen
genetischer Forschung und einer Praxis, mit der die Zeugung und Geburt eines intersexuellen Kindes
verhindert oder dessen "Geschlechtsangleichung" sogar schon vor der Geburt auf "Verdacht" begonnen
werden kann.
Wolfgang Sippell etwa, der Ihnen bekannt sein muss, da er wie Frau Richter-Appelt aus Ihrer
Forschungsgruppe im "Netzwerk Intersexualität" mitwirkt , befürwortet im Therapie-Handbuch im
Abschnitt zum AGS eine "genetische Beratung zur Partnerwahl" sowie Pränataldiagnostik plus ggf.
bereits vorgeburtliche Hormonbehandlung bei Verdacht auf AGS des Fötus bei einer bereits bestehenden
Schwangerschaft. Diese geschlechtsnormierende Praxis steht in unseren und den Augen vieler
intersexueller Menschen dem Anliegen direkt entgegen, für eine größere Akzeptanz geschlechtlicher
Vielfalt in unserer Gesellschaft einzutreten. Vielleicht können Sie zu diesem Problembereich nochmals
etwas vertiefter Stellung nehmen?
HH
Es ist damit zu rechnen, dass mit der Weiterentwicklung und dem Fortschritt der genetischen
Medizin bald solche Möglichkeiten auf uns zukommen werden, die nicht nur im Bereich der
Intersexualität, sondern auch für viele andere Formen der Andersartigkeit und Krankheiten eine Rolle
spielen werden. Dies wird ein Thema sein, mit dem wir uns gesamtgesellschaftlich auseinandersetzen
müssen und zwar nicht nur im Zusammenhang mit Intersexualität.
Die pränatale Behandlung von AGS ist schon seit längerem möglich. Dabei wird die schwangere
Mutter eines Kindes mit AGS bereits zu Anfang der Schwangerschaft mit Dexamethason behandelt,
was dazu führt, dass die Androgenwirkung auf den Fötus reduziert wird und das Kind (in den meisten
Fällen) mit unauffälligen Genitalien zur Welt kommt. Dies hat zum einen den Vorteil, dass dem Kind
und den Eltern eine Auseinandersetzung über eine mögliche Operation für- oder gegen eine
Klitorisverkleinerung erspart bleibt, zum anderen, dass die Gefahr, eine lebensbedrohliche Form
des AGS zu entwickeln(= AGS mit Salzverlust) stark vermindert ist. Die so behandelten Kinder sind
meist nicht auf eine hohe Dosierung und lebenslange Einnahme von Hormonen angewiesen, wie dies bei
den nicht auf diese Art behandelten AGS-Kindern der Fall ist.
Ob man diese Form der Behandlung befürwortet oder nicht, muss von jedem selbst entschieden werden.
Vor allem unter dem Aspekt der Selbstbestimmung stellt sich die Frage, wessen Selbstbestimmung man
den Vorrang beimisst.
Die Selbstbestimmung der schwangeren Frau, sich dafür zu entscheiden, ein Kind zur Welt bringen zu
wollen, dass keine uneindeutigen Genitalien hat und nicht auf medizinische Behandlungen angewiesen
sein muss; oder die Selbstbestimmung des ungeborenen Kindes, dass erst ab einem bestimmten Alter,
viele Jahre später darüber Auskunft geben kann, welche Form der Behandlung es für sich wünscht oder
gewünscht hätte.
Studien zu den Langzeiteffekten einer solchen Behandlung (durchgeführt im Netzwerk-Intersexualität)
werden Auskunft darüber geben können, wie es den so behandelten Personen langfristig geht und welche
Nebenwirkungen und Vorteile für die Betroffenen daraus erwachsen sind.
1-0-1
Vertreten Sie mit Ihrer Arbeitsgruppe eine eigene Position zu den hormonellen und chirurgischen
Eingriffen im Kindesalter?
HH
Wie bereits dargestellt, gibt es einige Formen der Intersexualität, bei denen eine sofortige
Hormonbehandlung lebensnotwendig ist und den Kindern nicht erspart werden kann. Unsere ersten
Auswertungen der Studie zeigen jedoch, dass viele Eingriffe im frühen Kindesalter für die
betroffenen Personen sehr problematisch und mit vielen langfristigen negativen Konsequenzen
verbunden sind. Ihr "Nutzen" erscheint für die Betroffenen fragwürdig. Dazu gehört die frühzeitige
Vaginalplastik (die nicht mitwachsen kann und somit mehrere Folgeoperationen und Vaginaldehnungen
nötig macht), die Klitorisreduktion und die Entfernung der Gonaden, bei denen keine Entartung
vorliegt bzw. kein erhöhtes Risiko für eine Entartung nachgewiesen werden kann.
1-0-1
In Ihren Publikationen gehen Sie auf einen möglichen Paradigmenwechsel im Rahmen der
Behandlungsrichtlinien ein. Für die Anwendung der "full consent policy" sehen Sie aber
Evidenzprobleme. Hierzu möchten wir anmerken, dass die empirischen Belege, die den "Erfolg" der
bisherigen, von John Money in den Fünfziger Jahren entwickelten Behandlungsleitlinien ausweisen
soll(t)en, ebenfalls problematisch sind; unter anderem wurde nie der "Gegenbeweis" angetreten,
dass unbehandelte intersexuelle Menschen unglücklicher seien als frühzeitig genitalkorrigierte
und hormonbehandelte Intersexuelle. Wäre es nicht angemessen, wenn Sie angesichts der Situation,
dass die Evidenzbeschaffung für jedwedes Behandlungsvorgehen schwierig ist, eine offensivere
Position vertreten würden? Eine Position, die fordert, das bisherige Behandlungsvorgehen auszusetzen,
um so den geringsten Schaden anzurichten?
HH
Mittlerweile besteht in der Fachwelt weitgehend Einigkeit darüber, dass die Behandlungsleitlinien,
wie sie von John Money formuliert wurden, in vielen Aspekten nicht dem Wohle der Betroffenen dienen.
Die heutige Generation der Betroffenen wird auch in den meisten Fällen nicht mehr nach diesen
Leitlinien behandelt.
Es besteht aber auch weitgehend Einigkeit darüber, dass sämtliche medizinischen Eingriffe auszusetzen
ebenfalls nicht der richtige Weg sein kann, zumindest nicht für alle betroffenen Personen.
Damit würde man dem komplexen Phänomen der Intersexualitäten genauso einseitig und undifferenziert
begegnen, wie Money es im umgekehrten Sinne getan hat. Des Weiteren ist es auch durchaus denkbar,
dass Betroffene, die in ihrer frühen Kindheit nicht behandelt werden, eines Tages die zuständigen
Mediziner/innen wegen unterlassener Hilfeleistung anklagen. Daher ist eine Studie wie die unsere
notwendig, um mehr darüber zu erfahren, welche Behandlungsmöglichkeiten für wen, zu welchem Zeitpunkt
sinnvoll und positiv sind und welche nicht.
Erfreulicherweise haben an unserer Studie auch schon einige Personen teilgenommen, die nie
medizinisch wegen ihrer Intersexualität behandelt worden sind, so dass wir auch von ihrem
Erfahrungsschatz profitieren können. Nur durch eine individuelle und differenzierte Betrachtungen
wird es möglich sein, den unterschiedlichen Entwicklungen, Lebensverläufen, Einstellungen und
Wünschen der verschiedenen intersexuellen Personen entgegenzukommen.
1-0-1
Welche konkreten Änderungen in den Empfehlungen zur Behandlungspraxis ergeben sich aus dem jetzigen
Stand der Studie?
HH
Vom jetzigen Stand der Studie lassen sich folgende allgemeine Aussagen ableiten:
- Geschlecht wird durch viele verschiedene biologische und psychosoziale Komponenten bestimmt
und ist nicht alleine durch das körperliche Aussehen determiniert. Dieses darf somit nicht
alleiniges Entscheidungskriterium für oder gegen eine geschlechtskorrigierende Behandlung sein.
- Geschlechtskorrigierende Maßnahmen sind kein Notfall und sollten nicht als solche behandelt werden.
- Ein "informed consent" sollte mit der betroffenen Person hergestellt werden, sie sollte altersentsprechend
und umfassend über ihre Diagnose und die Vor- und Nachteile von verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten
aufgeklärt werden.
- Ein nicht-eindeutiges Genitale muss nicht zu einer Störung der psychosexuellen Entwicklung führen.
Wiederholte Operationen im Genitalbereich können für diese Entwicklung traumatisierender sein als ein
auffälliges Genitale.
- Frühzeitige medizinische Behandlungen der Klitoris (z.B. Klitorisreduktion), der Vagina
(z.B. Vaginalplastik) und die Entfernung nicht-entarteter Gonaden ist kritisch zu hinterfragen.
- Es gibt eine Vielfalt an Genitalien und nicht nur zwei.
- Es gibt eine Vielfalt von Identitäten und nicht nur zwei.
1-0-1
Gibt es bereits Überlegungen hinsichtlich einer Beratungspraxis für Eltern und Betroffene, die die
sozialen Normvorstellungen in Bezug auf Geschlecht und Sexualität nicht einfach reproduziert, sondern
auf ein positives Verständnis geschlechtlicher Vielfalt zielt?
HH
Solche Modelle existieren bereits (z.B. das Berliner Modell des Psychotherapeuten Knut-Werner Rosen) und
werden von uns begrüßt. Nach Beendigung unserer Studie können wir uns gut vorstellen, für den
Hamburger/Norddeutschen Raum ein solches Beratungsmodell anzubieten.
1-0-1
Nach unserer Kenntnis war in der Erstbeantragung ihrer Studie (im Rahmen der Erforschung
"seltener Krankheiten") eine explizite Mitarbeit von Sozial- bzw. Kulturwissenschaftler/innen enthalten.
Warum ist diese Mitarbeit nicht zustande gekommen? Wurde die (alleinige) Zuständigkeit und Kompetenz
medizinisch-psychologischer Forschung im Umgang mit Intersexualität im Rahmen der Studienplanung diskutiert?
HH
Die Studie im Rahmen der Erforschung "seltener Krankheiten" ist die Studie des "Netzwerks Intersexualität",
also nicht unsere. Im "Netzwerk Intersexualität" wurden die beantragten kultur- und sozialwissenschaftlichen
Projekte vom Geldgeber nicht bewilligt. Innerhalb der im Netzwerk aufgebauten Arbeitsgruppen "Kultur" und "Sprache"
konnten aber einige der geplanten Fragestellungen eingebunden werden.
In unserem Forschungsteam arbeiten hauptsächlich Psycholog/innen und psychologische
Psychotherapeut/innen, was bei unserer Fragestellung und Form der Erhebung unerlässlich ist.
Selbstverständlich kooperieren und arbeiten wir auch mit anderen Fachdisziplinen (z.B. Medizin,
Kulturwissenschaften, Anthropologie) zusammen und sind um interdisziplinäre Fortbildung bemüht.
1-0-1
Welches Ziel hat die Suche nach Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen transsexuellen und
intersexuellen Menschen? Fließt die Erkenntnis, dass viele transsexuelle und Transgender-Personen
dem medizinisch-psychiatrischen Transsexualitätsbegriff nicht entsprechen und die institutionalisierte
Behandlungs- und Begutachtungspraxis kritisieren, in Ihre Untersuchung ein?
HH
Wir bereits angeführt, geht es uns darum, möglicherweise von den unterschiedlichen Erfahrungen der
Gruppen zu lernen, um eventuell gemeinsame Ziele und Variablen zu diskutieren und um ggf. Unterschiede,
die bisher nicht berücksichtigt werden, klar herauszustellen. Bisher werden intersexuelle und
transsexuelle Menschen in vielen Bereichen "in einen Topf geworfen", was von den betroffenen Personen
selbst stark kritisiert wird. Andererseits ist davon auszugehen, dass es einige Bereiche gibt, die
große Überlappungen oder Gemeinsamkeiten der beiden Gruppen zeigen, oder es Aspekte gibt, aus denen -
aus der Erfahrung der einen Gruppe - Rückschlüsse für die andere gezogen werden können.
Genauso wie bei den Personen mit Intersexualität soll es darum gehen herauszufinden, welche
Behandlungserfahrungen verschiedene transsexuelle Personen gemacht haben, was sie als hilfreich und
förderlich empfinden und womit sie negative Erfahrungen gemacht haben. Ein weiteres Ziel ist es -
wie bei der Befragung der Personen mit Intersexualität - die große Heterogenität dieser Gruppe zu
erfassen und darzustellen.
|
 |